Roadtrip durch Nord-, Ost- und Mitteldeutschland

Anfang Oktober starten wir auf unseren zweiten Roadtrip dieses Jahres. In knapp 2.500 Km erfahren wir Nord-, Ost- und Mitteldeutschland. Das Hauptziel ist Leipzig, und geplant ist es diesmal als Erholungsurlaub. Sprich: Wir haben jeden zweiten Tag dafür eingeplant, nix zu tun. Immerhin funktioniert dies zumindest am ersten Tag wunderbar. Auch diesmal laden wir unser Auto mit unserem halben Hausstand voll, denn so fehlt es uns an Nichts.

 

Lüneburger Heide

Camp Reinsehlen bei Nacht

Für den Auftakt wählen wir die Lüneburger Heide. Im Oktober ist die Heide zwar schon verblüht, aber dafür auch weniger touristisch ausgelastet. Wir übernachten im Camp Reinsehlen, einem Motel mit einem fantastischen Ausblick in absolut ruhiger Lage. Am ersten Abend suchen wir uns ein Restaurant in Schneverdingen, wo man ein Gericht mit Heidschnuckenfleisch bekommt. Heidschnucken, so nennt man die Schafe die auf der Heide grasen (und dessen Fleisch als Wildfleisch gilt). Schnell finden wir ein Restaurant, wo wir beide Heidschnuckenragout bestellen. Das Fleisch ist unglaublich zart und die hausgemachten Spätzle schmecken hervorragend, insgesamt ein Fest für den Gaumen. Am Abend setzen wir uns draußen hin und lesen und genießen den sternenklaren Himmel. Ein toller Start in den Urlaub.

Der erste Tag ist ein geplanter „Nichtstutag“. Wir schlafen zwar nicht aus um noch das Frühstück mitzubekommen, welches das beste Frühstücksbuffet der ganzen Reise sein wird, aber außer einem kleinen Spaziergang ruhen wir uns einfach nur aus, lesen und spielen miteinander. Auch an diesem Tag verkosten wir beide Heidschnuckenragout, diesmal in dem Restaurant im Camp Reinsehlen. Und auch diesmal schmeckt es einfach fantastisch

Morgendämmerung

Am Tag darauf sind wir mit einem Schäfer unterwegs und hüten Heidschnucken. Der von Natur aus brummelige Mann ist sehr freundlich und äußerst redselig, erzählt uns allerlei Dinge und lässt uns Fakten erraten, wie z. B. warum die Heidschnucken denn Heidschnucken heißen (Tipp: schnucken ist ein anderes Wort für naschen). Zwischendurch springen um uns herum den ganzen Tag lang die acht Böcke auf ihre Damen, denn „dafür sind sie ja da“. So hüten wir ca. 325 Schafe, 8 Ziegen und 1 Esel mit der Hilfe unserer drei Hunde, die auf eine faszinierende Art und Weise selbstständig sind und die Herde fast immer unter Kontrolle haben.

 

Ostsee

Kraniche vorm Sonnenuntergang

Das nächste Ziel ist die Ostsee, genauer: Zingst auf dem Darß. Bevor wir da ankommen halten wir aber in Prerow in der Teeschale. Das ist eine kleine Gaststätte mit ein wenig Kuchen, und unfassbar vielen Teesorten im Angebot. Das niedliche Häuschen bietet auch einen kleinen Laden mit einer ebenfalls großen Auswahl an Teesorten die man sich abpacken lassen kann.

Bei der Ankunft in Zingst wurden wir erstmal vom offensichtlichen Tourismus erschlagen, womit wir einfach nicht gerechnet hatten. Übernachtet haben wir im Haus 54, einer Jugendherberge. In Zingst rasten die Kraniche auf ihrer Reise aus dem Norden in den Süden, und wir wollten die nächsten Tage schauen ob wir ein paar Kraniche beim Einflug sehen können. Die nette Dame an der Theke empfiehlt uns noch eine Tour mit dem Boot, und wir haben noch nichtmal richtig ausgepackt, schon befinden wir uns auf dem Weg zu Fuß zum Hafen und suchen uns eines von den zwei Booten aus. Das anscheinend weniger spektakulär aussehende Boot ist zum Glück deutlich leerer (weil es weniger spektakulär aussieht), und wir suchen uns einen Tisch ganz vorne.

Mehr Kraniche

Die Tour geht los und der Kapitän erzählt einige mehr oder weniger interessante Anekdoten und vertröstet uns, dass manchmal die Kraniche eher später reingeflogen kommen, da wir bis jetzt noch keine sehen. Das Wetter ist super, nur extrem windig, und nach knapp einer Stunde sehen wir die ersten Ketten mit Kranichen. Wir freuen uns und denken uns dass es das schon war, aber dann tauchen am Horizont immer mehr auf, bis sprichwörtlich der ganze Himmel voller Kraniche ist, die sehr tief eingeflogen kommen. Es sind tausende, und nicht nur der Anblick ist spektakulär, auch die Geräuschkulisse dieser imposanten Vögel. Der Kapitän fährt ein extra Ründchen und dreht das Boot noch einmal, und wir sehen Kraniche im Sonnenuntergang und Kraniche vorm aufgehenden Mond. Wirklich beeindruckend. Durchgefroren, aber glücklich, laufen wir nach Hause und duschen uns ausgiebig und heiß.

Auch der nächste Tag dreht sich um die Kraniche, allerdings ist das Wetter sehr bescheiden. Grauer Himmel und ständiger Nieselregen lassen uns aber das gute Gefühl, am gestrigen Tag einfach mal enorm Glück gehabt zu haben.

 

Potsdam / Berlin

Brandenburger Tor

In Potsdam besuchen wir Freunde, die gerade dabei sind ein Haus zu renovieren. In Anbetracht der Grundsubstanz eine enorme Leistung, vor der ich meinen Hut ziehe. So ist es fast schon passend, dass kurz vor unserem Eintreffen die Heizung ausgefallen ist, und es somit auch kein warmes Wasser gibt. Dafür wird der Wasserkocher für die nächsten Tage unser bester Freund. Sowohl zum Geschirr waschen, als auch für die Körperpflege. Zwei extra Decken ausgepackt, und auch die Nacht werden wir gut überstehen.

Am nächsten Tag, mal wieder ein geplanter Nichtstutag, spazieren wir durch Potsdam, und legen dann doch eine ziemlich große Strecke zurück. Es gibt auch hier viele kleine und kreative Läden, die zumindest einen Blick wert sind.

Da wir auf unserem Roadtrip durch Dänemark in diesem Frühjahr nicht in einem Wikingermuseum waren, wollen wir das nachholen und die Wikingerausstellung in Berlin besuchen. Die entpuppt sich allerdings leider als relativ lieblos gestaltet, und durch die ungünstig platzierten Vitrinen und Tafeln, welche auch noch viel zu kleine Schriften haben, stehen sich die Besucher fast schon auf den Füßen.

Nach der Ausstellung sehen wir uns den Prenzlauer Berg an, um festzustellen, dass die Gentrifizierung hier weit fortgeschritten ist. Es gibt viele schicke Läden, und die Häuserfassaden machen überwiegend einen sehr gepflegten, und auch teuren Eindruck. Dazwischen halten sich individuelle Läden mit einer bunten Mischung des Publikums. Die Abende sind durchgängig super, da wir tolle Freunde haben, mit denen wir schöne Abende verbringen, oft kochend, aber überwiegend quatschend.

 

Leipzig

Traueintrag in einem Kirchenbuch

In Leipzig nächtigen wir im Motel One an der Nikolaikirche, also mittendrin. Das Erste was wir machen nachdem wir eingecheckt haben: ausgiebig lang und heiß duschen. Scheint unser Motto der Reise zu sein. Warum eigentlich Leipzig? Das hat einen einfachen Grund. Ich habe Anfang des Jahres ein neues Hobby begonnen: ich beschäftige mich mit der Ahnenforschung. Ja, es ist ein Altherrenhobby, aber es entspannt mich und es macht mir Spaß, und ich habe deswegen auch schon tolle neue Familie gefunden!

Im Staatsarchiv in Leipzig findet man die verfilmten Kirchenbücher der ehemaligen Ostgebiete, und da ein Teil meiner Vorfahren aus Ostpreußen kommt, wollte ich dem selber nachgehen, denn auch das Internet konnte mir nicht mehr weiterhelfen. Wir haben uns für einen Montag und einen Mittwoch angemeldet, so dass wir also zwei Tage hatten nach meinen Vorfahren zu suchen. Maraikes Vorfahren sind in Kirchenbüchern eingetragen die es hier leider nicht gibt, so dass wir uns auf zwei Namen beschränken, wovon der eine Name nur sehr selten auftaucht. Am ersten Tag sitzen wir an zwei Lesemaschinen nebeneinander, haben den Laptop aufgeschlagen, und schauen parallel die Bücher durch. Wir müssen uns erst an die alte Schrift und Schreibweise gewöhnen, die teilweise sehr schwierig bis gar nicht zu entziffern ist. Dabei stellen wir Dinge fest, wie z. B. dass jeder Pfarrer (und auch jede Zeit) eine andere Art hat die Daten festzuhalten. Und je früher wir in die Zeit zurückgehen, desto weniger Menschen konnten lesen und schreiben. D. h. der Pfarrer schreibt die Namen nach gehörter Mundart auf. Deswegen finden wir Namen die wir suchen in allen möglichen Variationen. Interessant auch, dass bei Taufeintragungen in einigen Kirchenbüchern aus den früheren Jahrhunderten der Text für unehelich geborene Kinder auf dem Kopf geschrieben wurde.

Der erste Tag geht schnell vorüber, und es wird klar, dass wir den nächsten Tag ebenfalls kommen möchten, was kein Problem ist. So bleiben wir drei Tage im Staatsarchiv und recherchieren, teilweise auf drei Lesegeräten parallel, da die linken und die rechten Seiten auf zwei verschiedenen Rollen sind, die Daten aber oft als Fließtext über beide Seiten geschrieben wurden. Nach dem Mittwoch haben wir die Daten von fast 100 möglichen Verwandten in einer Tabelle eingetragen und von 50 wahrscheinlich direkten Verwandten zur weiteren Auswertung ausgedruckt.

An den Abenden schlendern wir durch die Innenstadt und schauen uns Leipzig bei Nacht an. Unter anderem kehren wir in den Thüringer Hof ein, einer urigen Gaststätte, die fast 600 Jahre Geschichte auf dem Buckel hat. Auch wenn wir nichts typisch Leipzigerisches essen, so ist es zumindest ansatzweise regional.

Am nächsten Tag gehen wir in den Zoo. Gefühlt wird der halbe Zoo umgebaut und erneuert. Die uralten Käfige für die Vögel sind davon offensichtlich aber nicht betroffen, und sie erinnern an einen Zoo aus dem vorletzten Jahrhundert. Dann allerdings kommen wir zu den neueren Gehegen, die groß und schön sind. Auffällig ist, dass jeder Weg an Imbissbuden und Restaurants vorbeiführt. Dem können auch wir uns nicht entziehen, und in einem afrikanischen Teil setzen wir uns an einen Tisch und speisen mit Blick auf Giraffen und große Laufvögel. Die Menschenaffen scheinen Menschen gewohnt zu sein, und sie spielen direkt vor den großen Fenstern und interagieren auch mit den Besuchern. Das absolute Highlight im Leipziger Zoo ist aber definitiv das Gondwanaland. Das ist ein riesiges Tropenhaus, sehr schön gemacht, und sehr vielfältig. Insgesamt ist der Leipziger Zoo eine Empfehlung wert. Einzig, dass man für viele Kleinigkeiten wie z. B. eine kleine Bootstour extra zahlen muss, nervt ein wenig.

 

Hildesheim und Kassel

Altstadt in Hildesheim

Ab hier hat die Reise nur noch privaten Charakter. Über einen Zwischenstopp bei Bekannten fahren wir nach Hildesheim zu weiteren Freunden. Auch diese renovieren ein Haus, jedoch funktionieren hier Warmwasser und Heizung. Einige Tage später geht es, mal wieder über einen Zwischenstop bei Bekannten, nach Kassel zu meiner Familie. Dort wird wieder „Ahle Worscht“ gekauft. Als Kind nicht gemocht, jetzt geliebt, werden von hier immer ein paar dieser Köstlichkeiten nach Köln mitgenommen.

Dann ist die Reise auch schon zu Ende. Und sie endet wieder einmal mit sehr vielen Eindrücken und dem Wissen, dass man auch hierzulande einen netten Urlaub verbringen kann.

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